Rette mich!

Dieser Nena-Titel aus den Achtzigern ist grammatikalisch völlig korrekt, denn man kann jemanden (Achtung: Akkusativobjekt!) retten. Allerdings kann man niemanden folgen, weshalb die Wendung „gefolgt von“ ein trauriger Fall von schlechtem Deutsch ist. Derzeit noch zu erkennen daran, dass uns Titel wie „Folge mich!“ erspart bleiben. Obwohl sich das auch irgendwie nice anhören würde.

Sprache lebt eben, und es ist ja auch völlig in Ordnung, dass sie sich ebenso weiterentwickelt wie die Menschen, die sie benutzen.

An die „Gefolgten“ habe ich mich gewöhnt wie an die Falschfahrer, die mir von Zeit zu Zeit entgegenkommen, auch wenn ich noch mit dem viel abenteuerlicheren Ausdruck „Geisterfahrer“ aufgewachsen bin. Deutsche Grammatik ist ja auch mega kompliziert, aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Ist beispielsweise der Akkusativ überhaupt noch zu retten? Schließlich kommen Dolmetschnotizen auch ohne derartige Komplikationen aus. Verkürzen, was geht, weglassen, was stört, und ignorieren, was ich nicht verstehe – Speednotes sind quasi die Jugendsprache der Bildzeichen! So wird aus „Auf jeden Fall!“ das zeitsparende „auf jeden“, das ebenso klar und deutlich sagt, was gemeint ist.

Kürzlich musste ich an einem nicht weiter erwähnenswerten deutschen Hauptbahnhof das Gespräch zweier Jugendlicher mitanhören. Eine von ihnen gab den bemerkenswerten Satz „Ischwör kannich nich verstehn!“ von sich, und seither hege ich ernste Zweifel, ob wir überhaupt noch so etwas wie Grammatik brauchen.

Never mind this text if you can’t read it, it’s just a long boring story about German grammar being made redundant for the sake of coolness and/or efficiency. Suffice it to say that young people are naturals for the kind of language that does for words what speednotes do for pictograms. Like writing „R U“ instead of wasting a lot of time and energy on the full „are you“. Anyway, here’s your speednote for today: Based on a well-known hand gesture, we can use this pictorial sign

in a simplified form as a speednote for „promise, swear, take an oath, vow“. That’s speednoting 4U – I swear!

Diese Vereinfachung einer Schwurhand ist auf jeden unsere Speednote des Tages. Ein Zeichen für „Versprechen, Zusicherung, Schwur, Gewissheit“ ganz im Sinne der Generation, die uns täglich vorlebt, was Speedtalking ist – und die neuen Kurzformen je nach Belieben auch wieder verlängert, weil es einfach krasser klingt. So hörte ich gerade erst, wieder dank einer ÖPNV-induzierten Begegnung, den Ausdruck: „Auf jedensten!“

Seufz, ich schwör’.

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video ergo sum

Video

ist Lateinisch und heißt „Ich sehe.“

is Latin for „I see“.

 

is a speednote for „eye, see“.

dient als Speednote für „Auge, sehen“. Oder auch für „Blickwinkel, Perspektive, Sichtweise“ – die man ändern kann (vgl. „Zwischen den Zeichen“ S. 37 und 73):

It’s also a flexible sign for „viewpoint, perspective, angle“ (see „Between the Signs„, p. 39 and p. 74).

 

Video

also stands for ‚moving visual media‘.

– ebenso wie „Film“ – bezeichnet auch ‚bewegte Bilder‘. Um hierfür ein Notizzeichen zu entwickeln, beginnen wir mit dem „Bild“:

Dann lassen wir das Bild sich bewegen,

und so entsteht dann der Film – bzw. das Bildzeichen für „Bewegtbild, Video, Film“:

Starting with an icon for „picture“, we let the pictures move – to arrive at this pictorial for „moving pictures, movie, film“.

 

Und jetzt? haben wir die perfekte Überleitung zum ersten Video über Speednotes!

And why would we need a video speednote? To announce the first video about speednotes:

Schluss mit Fasten

Germans may call it having an „early piece“, but that doesn’t really cover what we do when we have our first meal of the day: We break fast, i.e. interrupt the nightly fasting.

Während wir im Deutschen „frühstücken“, also früh ein Stück – beispielsweise Brot – essen, wird die erste Mahlzeit des Tages in anderen Sprachen wörtlich als Beenden des nächtlichen Fastens bezeichnet, mit „breakfast“ im Englischen oder „desayuno“ im Spanischen, ebenso wie dem französischen „(petit) dejeuner“.

Ein typisches Phänomen beim Übersetzen von Wortsprachen: Derselbe Inhalt wird genau umgekehrt bezeichnet. Die einen reden vom Essen, die anderen vom Fastenbrechen. In manchen Kulturkreisen meldet man sich am Telefon mit der Aufforderung „Sprechen Sie!“, in anderen mit dem Hinweis „Ich höre!“.

Typically, different cultures and languages often use different extremes to describe the very same thing or situation. Like answering the phone in Spanish with the instruction „talk to me“, whereas a Russian might pick up and say „I’m listening“.

Which is all very well and nice to know, but far from what is relevant for note-taking purposes – here, we focus on content.

Interessant zu wissen, aber für Dolmetschnotizen ist genau das gar nicht wichtig. Bildsprachlich notieren wir das Gemeinte, Inhalte oder Ideen, und sind damit unabhängig von Wortsprachen.

Zum Osterwochenende also gute Wünsche ohne Worte:

In which words you say something doesn’t matter too much when you speednote it, so suffice this for the coming Easter days:

Frohe-Ostern

Vive la resistance!

Heute schon gefastet? Ist ja gar nicht so einfach, wochenlang allen möglichen (süßen) Versuchungen zu widerstehen. Dafür aber ein interessantes Thema, wenn es um bildhafte Sprache geht! Verzichten heißt ja, etwas NICHT zu tun oder zu konsumieren. Und die Negation ist erstmal nicht so leicht zu zeichnen – wenn Menschen aufgefordert werden, „kein Baum“ zu zeichnen, ist das Ergebnis praktisch immer ein durchgestrichener Baum. Wie soll man auch etwas zeichnen, das man nicht sehen kann?

Fasting is a bit like going on a diet – you have to make do without things you normally enjoy. Assuming you are fasting these weeks and resisting (sweet) temptations, you shall at least have a speednote to go with your abstinence. But how to pictorialize the lack of something?

Obviously, you cannot draw something you cannot see. What you can draw, though, are the signs and signals we use to indicate that something is absent. Crosses and lines are such signs: We cross or strike out what is not available or valid, like the cigarette on a NO SMOKING sign.

Das Unsichtbare sichtbar machen – unsere Notizzeichen schaffen das! Es gibt eine ganze Reihe von sichtbaren Zeichen für Nichtvorhandensein, wie die Linien, mit denen wir etwas durchstreichen.

Aber fangen wir vorne an: Was bedeutet Fasten eigentlich? Während einer Fastenzeit wird weniger konsumiert als sonst, das gilt besonders beim Essen. Hierfür haben wir bereits ein universell gültiges Bildzeichen (vgl. „Zwischen den Zeichen“ S. 13 ff.):

Mahlzeit

Starting with the general context, we can use this universal sign for meal, eating (cf. „Between the Signs“ p. 15 ff). For speednoting purposes, we reduce the pictogram to the plate.

Nehmen wir hieraus nur den Teller als Speednote für Essen, Mahlzeit:

Essen

Und jetzt kommt der spannende Teil: Wir können das Zeichen nicht einfach durchstreichen, denn das hieße ja, es gäbe nichts zu Essen. Beim Fasten geht es jedoch um etwas ganz Anderes: Es gibt Nahrung, aber wir leisten uns den Luxus, auf sie zu verzichten. Wir könnten essen, wollen aber nicht.

This is where it get’s interesting: We cannot simply cross out the plate, because that would mean lack of food. Whereas fasting means that we could, but don’t want to eat. Again, we can fall back on a universal sign – knife and fork pointing between 10 and 4 o’clock:

20vor4Stellung

Dies ist die Position des Bestecks auf unserem Teller, mit der wir signalisieren, dass wir nicht mehr essen wollen und der Teller abgeräumt werden kann. Durch Vereinfachung erhalten wir unsere Speednote für das Fasten:

Fasten-Speednote

 

Besides this Lent speednote, here’s the alternative for everyone who is not fasting – enjoy!

Esspause

 

 

 

 

Und hier noch die Speednote für Nicht-Fastende – lasst es euch schmecken!

Guten-Appetit

 

Tracking Error?

Speednotes hin, sprachunabhängige Bildzeichen her – manche Erlebnisse verlangen geradezu danach, dass mensch sie in der eigenen Muttersprache erzählt. Weswegen ich allen Vortragenden nur raten kann: Reden Sie in Ihrer eigenen Sprache! Wenn Sie fremdsprachiges Publikum haben, lassen Sie sich professionell dolmetschen. So können Sie sich völlig auf Ihre Inhalte konzentrieren – wer wirklich etwas zu sagen hat, hat es nicht nötig, aus jedem Redebeitrag eine Vorführung seiner Englischkenntnisse zu machen.

Aber zum Thema: Die Deutsche Post. Früher eine Behörde – daher hieß es auch Postamt (vgl. „Zwischen den Zeichen“, S. 55):

postamt

post office

 

Heute ein privatisiertes Unternehmen, die Deutsche Post AG:

post-dienstleister

postal service company (see „Between the Signs“, p. 57-58)

 

Zum Angebot dieses Dienstleistungsunternehmens gehört neuerdings die Zusatzleistung „PRIO“ – für 90 Cent sind Sie dabei, zusätzlich zum Basisporto natürlich. Was bekommen Sie für diesen Aufpreis? Die Sendung wird – ich zitiere – „mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bereits einen Tag nach Einlieferung beim Empfänger ankommen“. UND es gibt die Sendungsverfolgung! Ein so wunderbar modernes Wort, dass es eine eigene Speednote verdient: Für das „Verfolgen“ ein Bildzeichen zu finden ist denkbar einfach, werden wir doch heutzutage ständig und überall aufgefordert, etwas oder jemanden zu verfolgen – genauer gesagt, zu „followen“. Wir verwenden also das hierfür übliche Bildzeichen,

follow

das wir zur Speednote vereinfachen, etwa so:

follow-speednote

Zusammen mit der altgedienten Brief-Speednote haben wir dann ein neues Zeichen für die Sendungsverfolgung:

sendungsverfolgung

shipment tracking

 

Aber zurück zum Thema: Ich hatte einen Brief „als PRIO“ verschickt und wollte mal gucken, wie weit er wohl schon gekommen ist. Ich suche also die Online-Sendungsverfolgung auf,

online-sendungsverfolgung

gebe ordnungsgemäß die aus 20 Buchstaben und Ziffern bestehende Sendungsnummer ein und stelle fest, dass ich zusätzlich auch noch das Versanddatum eingeben muss. Ich habe mir das mal aufgeschrieben: 20 Ziffern, damit kann ich 100 Trillionen verschiedene Zahlen darstellen. Nimmt man Buchstaben hinzu, ergeben sich noch viel mehr mögliche Sendungsnummern. Selbst wenn die Deutsche Post tatsächlich etwa 59 Millionen Briefe pro Werktag zustellt, und auch dann noch, wenn sich dieses Volumen in der nächsten Zeit verdoppelt oder verdreifacht, kann eine aus 20 Ziffern/Buchstaben bestehende Sendungsnummer über fünfzig Milliarden Werktage abdecken.

Aber seien wir nicht kleinlich, schließlich geht es um meinen Brief. Diesen verfolgen zu können war mir immerhin fast einen Euro wert, also mache ich mir selbstverständlich gern die Mühe, auch noch das Versanddatum einzugeben. Ist auch ganz einfach, nämlich per Drop-Down-Menü: Da steht freundlich „Bitte wählen“, und ich kann zwischen 01 und 31 den Tag wählen. Bei Januar bis Dezember das Gleiche. Und selbst beim Jahr habe ich die Wahl – ok, ist ja auch erst Mitte bis Ende Januar – ich öffne auch hier das Menü, und was sehen meine ungläubigen Augen? Ich habe tatsächlich die Wahl zwischen 2019, 2018 und 2017!!!

Bei einer Sendung, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bereits einen Tag nach Einlieferung ankommt, bietet die Post nichtdestoweniger eine Rückverfolgung bis zu zwei Jahren und, Stand heute, 20 Tagen an. Da kann die Deutsche Bahn mit ihren nicht einmal zehntausend Stunden Verspätung pro Tag noch etwas lernen!